Granada, Tag 3

Wer Granada nicht gesehen hat, der hat nichts gesehen! – Diesen Satz möchten wir geringfügig abändern: Wer Alhambra nicht gesehen hat, der hat nichts gesehen!

Alhambra, dieser magisch-exotisch klingende Name einer Stadtburg, die eine kasbah, einen Palast, ja eine ganze Stadt umfasst, ist dieses grosse Kompliment ohne jeden Zweifel wert!

… wieder müssen wir soo früh aufstehen, wenn Ihr – hhmm – wisst, was ich meine. „Schon“ um 1/4 nach 11 Uhr müssen wir am Eingang zum Generalife sein, denn dort wird uns unser Guide erwarten, er wird uns in drei Stunden durch die Anlage führen. Also, „petit dejeuner“, was da heisst: eine Tasse Kaffee nebst den obligatorischen Pillen, sonst nix! Und dann schnell zur Bahn, ab in die Stadt. Dort, auf dem Weg zum Bus nach oben, schnell ein Sandwich gekauft. Die Busse der Linie 30, die von der Plaza Isabel la Católica hinauf zur Alhambra führt, sind winzig, maximal 15 Personen fassen sie, und das bei DIESEM Ziel. Allerdings geben die engen Strassen durch das Viertel Realejo hinauf, eigentlich sind es ja nur Gassen, nicht mehr her. Selbst bei diese Fahrzeuggröße verlangt das Viertel virtuoses Fahrkönnen von den Fahrern. Und weil der Bus so klein und so viele Menschen da sind, kriegen wir natürlich auch nicht den ersten Bus, sondern müssen warten. Aber schließlich kommen wir oben an, zum Fahrpreis von gerade mal 1,40€, Klasse!

Die Herkunft des Namens Alhambra ist umstritten, vermutlich aber kommt er von „die rote Festung“, aufgrund der Rotfärbung ihrer Aussenmauern.

Von unten, also von der Stadt aus gesehen und besonders etwa vom Mirador de San Nicolas aus, ist sie gewaltig anzusehen. Hier oben hat man aber bereits bei Ankunft vollkommen den Überblick verloren und steht erst einmal etwas ratlos da. „Wo isse denn nun?“, denn ausser dem Einlassgate sieht man nicht viel. José, unser Guide, begrüsst pünktlich unsere kleine Gruppe von lediglich 8 Personen, alles Schweizer und Deutsche.

Wir starten mit der Alcazaba, der wuchtigen Festung, hinter Bäumen versteckt, dessen Bollwerk sich trotzig gegen das Tal und die Stadt reckt.

Um 889 begann der Bau der Alhambra und sie wurde im 13. Jahrhundert umfassend renoviert. Lange Zeit war die Alhambra und Granada das geistige, kulturelle und religiöse Zentrum des al Andaluz. Am 2. Januar 1492 kapitulierte der letzte maurische Herrscher vor den katholischen Königen Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon. Damit fiel die letzte maurische Bastion in Spanien. Bereits am nächsten Tag erließen die beiden Könige das sog. Alhambra-Edikt: alle nicht bekehrungswilligen Juden wurden aus dem Königreich und allen spanischen Besitzungen verbannt. Nun folgte die Herrschaft der christlichen Inquisition, Juden und „Ketzer“ wurden verfolgt, sämtlichen arabischen Bücher verbannt und Teile der muslimischen wie jüdischen Bevölkerung zwangschristianisiert.

Wiederum nur einen Tag nach dem Alhambra-Editk am 3. Januar 1492 unterzeichnete Isabella von Kastilien auf der Alhambra die Bürgschaftsurkunde für einen gewissen Genueser Kapitän und dessen Vision, den westlichen Seeweg nach Indien zu finden: Christoph Columbus. Der Return on Investment sollte sich als ungeheuer heraus stellen!

Kaiser Karl V. (Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) plante später, Granada zum Regierungssitz des spanischen Königreiches zu machen und ließ in der Alhambra einen mächtigen Renaissancepalast bauen, der jedoch niemals vollendet wurde.

Zum Ende der Besetzung Spaniens durch Napoleon sprengten die französischen Soldaten die auf der Alhambra gelagerte Munition in die Luft, damit sie nicht in die Hände der Spanier fallen würde. Diese Explosionen zerstörten große Teile der Stadt Alhambra, zum Glück aber nicht des Palasts. Die gesamte Anlage verwaiste und geriet in Vergessenheit. Erst im 19. Jahrhundert wurde das maurische Ensemble durch Romantiker wiederentdeckt, inzwischen war sie völlig verfallen und viel Baumaterial war im Laufe der Jahrzehnte entwendet worden. Seit dem wird dieses einzigartige Kulturdenkmal mit viel Aufwand restauriert und erhalten. 1984 erfolgte der Schutz als Weltkulturerbe der UNESCO.

Während die Festung Alcazaba mit ihren starken Mauern und den, nur in den Grundmauern wieder hergestellten Stadthäusern hoch interessant ist, wird man vom Nasridenpalast völlig erschlagen!

Wir bewundern die vielfältigen Fähigkeiten der maurischen Baumeister: die gesamte Alhambra verfügt bis heute über ein eigenes, autarkes Bewässerungssystem. Fliessendes Wasser hoch über der Stadt und den im Tal fliessenden Flüssen Genil und Darro!. Das Geheimnis liegt in einem Meisterwerk der Wasserbaukunst verborgen: In über sechs Kilometern Entfernung haben die fähigen alten Meister den Fluss teilweise umgeleitet in ein einzigartiges System aus Kanälen, Rohren, Zwischenbecken und Sandfiltern! Jedes Haus der Alhambra verfügte über fließend Wasser und Abwasser! Alle Palasträume sind exakt in den vier Himmelsrichtungen verbaut – bis auf die Moscheen, diese sind auf’s Grad genau nach Mekka ausgerichtet. Viele Beispiele für die Verwendung der mystischen Zahlen des Islam (1, 3, 5, 7, 8) in der Architektur.

Bis heute funktionierende Klimaanlagen allein betreiben mit den Elementen Wasser und Luft, alleine durch die Kenntnisse der Physik. Mystische Räume mit eingebauten Regenbogen und Vieles andere mehr. Solche und viele andere Details erfahren wir durch dieses hervorragenden Guide, der alle Fragen gerne und hochkompetent beantwortet.

Wir sind tief beeindruckt von den Fähigkeiten, dem Wissen um Statik, Astronomie und Physik, die diese Kultur bereits vor mehr als sieben Jahrhunderten zu einem solchen Gesamtwerk befähigten.

Der Generalife, das „Gästehaus“ des Herrschers, beeindruckt mit schön angelegten Gärten, die allerdings die ursprüngliche Anmutigkeit, die Leichtigkeit und den Zauber der Gärten in den Nasridenpalästen ein Stück weit eingebüßt haben. Der Okzident hat hier den Orient beiseite gefegt.

Ich kann nicht umhin, meine Bewunderung vor den geistigen, wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften dieser Epoche auszudrücken. Mit tiefem Respekt erkenne ich erneut, dass diese Kultur nicht nur in Spanien, sondern in ganz Europa ihre tiefen Spuren hinterlassen hat. Aber vieles davon ist uns nicht mehr geläufig.

Wie war das noch gleich mit den arabischen Ziffern und dem Zahlenlesen von rechts nach links – zwei-und-dreißig? 😉

Wobei ich hier von Kultur spreche, nicht von Barbarei.




Eine Antwort zu „Granada, Tag 3”.

  1. wunderschöne Bilder, da möchte ich jetzt auch mal hin.

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