Flamenco

Am Samstagabend haben wir für die späte Vorstellung im Museo de Baile Flamenco noch Karten ergattern können. Zum Museum gehört ein kleines Tanztheater mit vielleicht 80 Sitzplätzen. Um 20:45h beginnt die Vorstellung. Zwei Tänzerinnen und ein Tänzer zeigen verschiedene Stilrichtungen des Flamenco zur Musik eines Sologitarristen, der seinerseits von zwei Sängerinnen begleitet wird. Die Musik ist eine unheimlich interessante Mischung aus europäischen Klängen mit Anlehnungen an arabische Musik und mit phygrischen Skalen, wie sie in der Roma-Musik vorkommen. Eine einerseits faszinierend vertraute und zugleich fremde Klangwelt. Flamenco als Tanz ist vordergründig vor allem eines: Hochleistungssport! Die drei, nicht mehr ganz jungen Tänzer bieten eine körperliche Leistung dar, die wir so nicht erwartet hatten: Ausdruckstanz, wechselnde Mimik, perfekter Step in einem unglaublichen Tempo untermalt mit atemberaubendem Kastagnetten-Stakkato. Alles passt zueinander, baut auf einander auf und bildet einen mitreissenden Spannungsbogen. Die starken Gefühlsausdrücke erreichen die Zuseher. Staunend mit großen Augen und buchstäblich offenen Mündern verfolgen wir diese schier unglaubliche musikalische, körperliche und emotionale Darbietung.

Leider war, aus nachvollziehbaren Gründen, das Fotografieren während der Vorstellung nicht erlaubt. Und so tragen auch wir dieses großartige Erlebnis in unserer Erinnerung.

Nach der Vorstellung bahnen wir uns den Weg durch die engen Gassen der Altstadt und suchen einen Taxistand. Unglaublich, was hier noch los ist, Menschenmassen und ein Stimmengewirr wie in einem Bienenstock! Es ist der 16. März und der Beginn der Karwochen-Feierlichkeiten. Von Fastenzeit ist hier keine Spur zu entdecken. Die Restaurants und Bars sind knallevoll, die Menschen drängen sich in der lauen Abendluft auf den Strassen.

Endlich ergattern wir ein Auto. Der Fahrer spricht kein Englisch und unsere Adresse ist ja nicht einfach irgendeine Strasse. Mittels Google machen wir ihm klar, wohin er fahren muss und dass er sich telefonisch beim Sicherheitsdienst anmelden muss, damit das Tor für uns geöffnet wird. Angekommen stellen wir vor allem eins fest: Das Procedere läuft anders als Stunden zuvor beschrieben: Bereits die Zufahrt zum Gewerbepark ist verrammelt, hinter einem, mit dicker Kette und Vorhängeschloss gesicherten Tor steht quer ein unbeleuchteter PKW. Unser Taxifahrer bemüht jetzt ebenfalls den Google Übersetzer und erklärt nach dem Anruf: Aussteigen, hier Endstation, der Rest geht nur zu Fuß!

Na bravo! Und nun? Das Taxi verschwindet und bei aufkommender leichter Panik entdecke ich eine kleine Pforte im Zaun, die offen steht. Wir gehen hindurch und ich leuchte mit dem Handy in das geparkte Auto. Und da sitzt tatsächlich ein Wachmann drin, in Uniform, mit Funkgerät, Schlagstock und Gaspistole im Halfter. In gebrochenem Englisch erklärt er uns, dass er hier der äussere Sicherungsring sei für die hier auf dem Gelände ansässigen Betriebe, und der Autoimporteur, der auf seinem Hof auch unseren Stellplatz betreibt, habe noch eine eigene, innere Sicherung. Mit einem leicht mulmigen Gefühl starten wir den Fußweg von vielleicht 1000 Metern in die Dunkelheit. Auf halbem Weg kommen wir am äußeren Tor des Autohändlers an. Im fahlen Schein des Halbmondes sehen wir zwei nagelneue Autos quer auf der Zuwegung geparkt: eins vor dem Tor, das andere dahinter. Das Tor selbst ist geschlossen. Erneut kommt leichte Panik auf. Zur Erklärung: die Gegend hier am Fluss ist Hafengebiet, der Hamburger Veddel nicht unähnlich. Hier wie dort möchte man nachts im Dunkeln nicht so gerne rumstehen. Der Nachtwächter des Autohändlers spricht ein wenig Englisch und am Telefon sagt er nur: „push the gate, it‘s open!“ Schlagartig wird mir der Sinn der beiden geparkten PKW klar: „Panzersperren“. Wieder ein Fussmarsch, es ist stockfinster und endlich sind wir am eigentlichen Hoftor zum Autohändler. Wieder zwei quer geparkte PKW in der Zufahrt. Die Pforte durch den mannshohen Zaun am Pförtnerhäuschen steht offen, die Nachtwache winkt uns beim Vorbeigehen freundlich zu. Puh – das war mal was für unsere alten Nerven.





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