Wir stehen mit unserem Mobil bei Glynn und Julie, zwei Briten aus London, die vor vier Jahren ihre Stadt verlassen haben und dieses kleine Anwesen oberhalb von El Chorro erworben haben. Sie haben Haus und Grundstück liebevoll hergerichtet, mit Pool, Terrasse und nur zwei Stellplätzen für Mobilsten wie wir. Es ist weit zur nächsten Einkaufsmöglichkeit, es ist steil hier herauf und die Zuwegung ist fahrtechnisch eine kleine Herausforderung. Aber es ist wunderschön hier heroben. Wir nutzen die gute Gelegenheit und machen Waschtag.


Heute soll es endlich soweit sein: Ich werde den Caminito del Rey gehen.Schon vor zwei Monaten habe ich die Eintrittskarte gebucht. Mit Rucksack, Wasserflasche und Kamera bepackt mache ich auf dem Fahrrad die kurze Stecke bergab nach EL Chorro. El Chorro besteht im Prinzip nur aus einem Bahnhof und dem Wasserkraftwerk, das unterhalb der paar Häuser für die vielleicht 350 Einwohner steht. Das Wichtigste an El Chorro ist der Südausgang des Caminito. Diesen Weg kann man nur von Nord nach Süd gehen, der „Kleine Königsweg“ ist aus Sicherheitsgründen eine Einbahnstrasse. Zwischen Nordeingang und Südausgang gibt es einen Busverkehr, der vom Bahnhof El Chorro aus startet. Diesen werde ich nehmen, um zum Eingang zu kommen. Das Ticket für die ca. 30 minütigen Fahrt kostet 2,10€. Am Eingang zum Caminito angekommen habe ich noch etwas Zeit, es werden feste Timeslots für den Besuch vergeben und diesen muss man, wiederum aus Sicherheitsgründen, einhalten.
Ich wandere ein wenig herum und rekapituliere die Geschichte des Caminito:
Die wohlhabende Industriellenfamilie Loring aus Malaga, im Besitz von Eisenbahnlizenzen, erkannte die wirtschaftlichen Chancen einer Eisenbahnstrecke von Cordoba nach Malaga. Diese wurde teilweise entlang der Desfiladero de los Gaitanes (Hohlweg der Bartgeier) gebaut. Bald reifte bei Familie Loring die Überzeugung, dass sich die Schlucht, aufgrund ihrer günstigen Beschaffenheit, sehr gut für die Nutzung von Wasserkraft eignen würde. Der junge Ingenieur Rafael Benjumea y Burin entwarf das Projekt aus Talsperren, Rohrleitungen und Wasserkraftwerken. 1901 begannen die Arbeiten am Weg durch die Schlucht, der dem Transport von Baumaterial sowie für die Unterhaltung der Wasserführung durch den Desfiladero dienten. 1921 wurde das gesamte Vorhaben abgeschlossen und durch König Alfons XIII feierlich eingeweiht. Der Legende nach hat König Alfons den Weg begangen, was aber nicht stimmt, dennoch hat die Bevölkerung den Weg „Caminito des Rey“, den kleinen oder schmalen Königsweg getauft.
Bald diente der Weg nicht nur den Wartungsarbeitern, auch die Bevölkerung begann diesen sehr gefährlichen Weg zu nutzen: Männer auf dem Weg zur Arbeit, Frauen zum Einkaufen und Kinder für den Schulweg. Nachts wurde der Weg elektrisch beleuchtet. Geländer gab es keine! Noch heute sind die Reste des alten Weges unterhalb des restaurierten, sicheren neuen Weges und die Reste der elektrischen Installation sind an vielen Stellen erkennbar …
Allmählich verfiel der Weg und wurde regulär kaum noch benutzt. Kletterer entdeckten den verfallenen Weg als besondere Herausforderung für sich und bahnten sich ihren Weg über die lebensgefährliche Route. Nach mehreren tödlichen Unfällen schloss die Regierung schliesslich den Caminito bis er im Jahre 2015, jetzt voll renoviert und abgesichert wieder für die Allgemeinheit eröffnet wurde.
Trotz dieser „Entschärfungen“ hat der Caminito seinen Reiz bis heute nicht verloren. Ich wandere langsam die zwei Kilometer von der Bushaltestelle bis zum Eingang des Caminito.




Jetzt ist es soweit, ich stehe am Eingang, bekomme einen hübschen, blauen Helm verpasst, er ist absolut obligatorisch zu tragen, dazu eine Sicherheitsunterweisung: absolut kein Verlassen des Weges, keine Hinterlassenschaften irgendwelcher Art, weil Naturschutzgebiet, keine Selfiesticks, keine großen Rucksäcke, keine Kinder unter 8 Jahren, usw. usw. Die Zeit zum Durchqueren: ca. 2 1/2 Stunden, wenn man, wie ich, fotografieren will. Der Weg beginnt harmlos, ein Spazierweg, doch nach wenigen 100 Metern kommt mir ein Ehepaar entgegen, sie: kreidebleich. Auf die Frage, ob alles in Ordnung sei kommt die Antwort von ihr: „Ich muss zurück, das hier kann ich nicht!“. Und tatsächlich, nach ein paar weiteren Metern geht es dann „zur Sache“. Höhenangst ist hier leider sehr kontraproduktiv, Adrenalin wird produziert, angesichts der engen Schlucht, den gewaltigen Felsformationen und vor allem der Höhe, bzw. der Tiefe von sicher 50 Meter, in die man hinunter auf den Fluss blickt, der sich durch die enge Schluckt zwängt.




Man hat genügend Freiraum, sich von seiner Gruppe zu absentieren, um Ausblicke zu geniessen oder, wie ich, zu fotografieren. Je Streckabschnitt gibt es eine Person, die bei Problemen (i.A. Anfälle von Höhenangst) helfend zur Seite steht. Am Allgemeinen sind diese Helfer kaum sichtbar, nur auf den ganz „heissen“ Stellen, sind sie für jedermann sicht- und ansprechbar. Diese Personen sorgen auch dafür, dass man den Anschluss an seine Gruppe nicht verliert.




Nach etwa einem Drittel der Strecke führt der Weg kurze Zeit parallel zu der Bahnlinie auf der anderen Seite der Schlucht. Zwischen zwei Tunnels gibt es tatsächlich so etwas wie einen kleinen Bahnhof. Über diesen soll im absoluten Notfall, bei Blockade beider Zugänge, der Caminito evakuiert werden. Inwieweit jeder in einer solchen Situation die unten gezeigte Brücke ohne Geländer zu passieren bereit und in der Lage wäre, bleibt einmal dahingestellt.




Bald weitet sich auf unserem Weg gen Süden die Schlucht und gibt den Blick frei auf eine Art Hochtal, dicht bestanden mit Aleppo-Kiefern, Johannisbrotbäumen und europäischen Palmen. In diesem äußerst geschützten Hochtal leben Ottern, diverses Wild und: Gänsegeier. Ich sehe die mächtigen Vögel im Flug, sie haben bis zu 2 1/2 Meter Spannweite und bringen 12 kg auf die Waage, aber leider kann ich sie nicht im Foto festhalten, ich habe lediglich ein Weitwinkelobjektiv dabei. Die Bergziege ist allerdings nahe genug.


Nach diesem Abschnitt kommt der dritte und wohl spektakulärste Teil der ganzen Tour.
Es geht durch die südliche Schlucht in Richtung Ausgang. Steil fallen die Felswände, die jetzt in einem ganz besonderen Licht erscheinen, tief hinunter ins enge Tal.







Auf dem Foto leider nicht zu erkennen, aber da sind gut 80 Meter Luft unter der Glasplatte, auf der ich stehe.

Wie festgeklebt am Fels erscheint der sichere Weg, darunter der alte, marode, heute zerstört, schon früher ungesichert. Unvorstellbar, dass auf diesem Pfad Kinder ihren Schulweg bewältigen mussten. Für einen Moment spielt es bei mir Kopfkino, dann obsiegt wieder die Faszination und Einzigartigkeit dieser Landschaft.









Nach dem Highlight der schwankenden Hängebrücke (105 Meter über dem Wasser) geht es heraus aus der Schlucht und noch einmal, auch sehr spektakulär, an einer Steilwand längs über die Eisenbahnbrücke vor El Chorro.

Ein bisschen wehmütig blicke ich zurück zum Caminito. Das war eine unglaublich tolle, intensive und wunderschöne Tour in einer wahrlich atemberaubenden Landschaft. Berge im Allgemeinen und Fels im Besonderen haben mich in meinem Leben nie sonderlich fasziniert. Das hat sich auf diesem, dem schmalen Königsweg, tatsächlich geändert. Form und Farbe, das Bizarre aus der Zeit seiner Entstehung, geschliffen von Wetter, Sturm, Regen und Wind stetig verändert und doch bis heute bewahrt, sind etwas ganz Besonderes und sehr schön anzusehen. Es wäre schön gewesen, wenn Saane dies alles hätte auch sehen können. Ich werde sehr gerne wiederkommen. Zum Caminito del Rey.
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