Hoher Atlas und Aït-Ben-Haddou

Von Marrakech aus starten wir am 5. April in Richtung des Hohen Atlas. Das Wetter ist immer noch grossartig, die Sonne brennt vom Himmel, um die Stadt ist es 34 Grad. Die Fahrt gestaltet sich sehr angenehm, erneut bewundern wir die Qualität der Strassen in Marokko. Dennoch müssen wir für die ca. 190 Kilometer etwa 5 Stunden einkalkulieren, der Hohe Atlas liegt zwischen uns und unserem heutigen Ziel und der höchste Punkt unserer Etappe liegt immerhin bei 2000 Metern. Wir kommen gut voran, die kleinen Orte längs des Weges bieten zahlreiche Fotomotive. Autowerkstätten mit archaischer Ausstattung, ein Stein, anstatt eines Bremskeils, der Schafhirte, der seine Tiere neben der Strasse grasen lässt, eine völlig andere, einfache und zugleich aber irgendwie für uns nicht mehr ganz so fremdartige Welt. Bei aller Einfachheit und aller Armut, die ohne Zweifel und sehr sichtbar in diesem Land herrscht, haben wir doch bislang ganz vorwiegend freundliche und aufgeschlossene Menschen gesehen. Wir fahren hier mit einem nicht gerade kleinen Auto durch das Land, trotzdem haben wir bislang keinerlei Neid oder Ablehnung erfahren, im Gegenteil, im Vorbeifahren erhalten ein oft freundliches Winken, einen hochgereckten Daumen und ein Lächeln.

Die Marktstände längs der Strasse sprechen eine deutliche Sprache: die Menschen, die hier leben, sind nicht wohlhabend. Hier kaufen, wohlgemerkt keine Touristen ein, sondern Einheimische!

Die Verkehrs- und Transportmittel, welche hier absolut üblich sind, bedürfen teilweise stark westlicher Gewöhnung!

Auf der Höhenstrasse, die durchaus als alpin bezeichnet werden darf, sehen wir dann deutliche Auswirkungen des verheerenden Erdbebens im vergangenen Herbst: Die Steilhänge sind mit beängstigend grossen Felsbrocken übersät, ihre Position erscheint beunruhigend instabil. Kaum haben wir diesen Gedanken einander eingestanden, schon liegt vor uns eine Strassensperre mit provisorisch improvisierter Umleitung: Rockies, die wohl frisch von oben kamen, liegen auf der Fahrbahn!

Kurz hinter der Passhöhe halten wir kurz an. Dieses Land ist, bei aller Kargheit, beeindruckend und wunderschön.

S sucht ein kleines Verkaufslädchen auf und kommt mit einem kleinen Einkauf zurück, aber auch mit einem traurigen Gesicht: „Der Besitzer fragte mich, ob wir vielleicht eine kleine Süssigkeit hätten, für die Kleinsten. Und bitte einen Bleistift für das Schulkind.“ Das macht uns sehr betroffen. Teilweise bittere Armut, dazu grosse Schäden durch das Erdbeben, was wir sehen macht uns still, ganz still.

Wir fahren weiter, der Weg nach Aït-Ben-Haddou ist nicht mehr so weit. Noch immer wechseln die Bilder der Landschaft. Versprengkelt grüne Oasen wechseln mit karger, leerer Steinwüste.

Am Nachmittag ist unser Etappenziel erreicht. Aït-Ben-Haddou, am Ufer des Asif Mellah. Wir stellen unser Auto auf einem öffentlichen Parkplatz ab und Hassan, der Platzwächter, ein Berber, passt darauf auf. Gegen Abend überqueren wir das ausgetrocknete Flussbett und steigen hoch zur alten Kasbah, gernauer gesagt waren es ehemals fünf. Diese Familien- oder Clanburgen waren befestigte Häuser, die hier seit dem 11. Jahrhundert rund um die Kasbah der Sippe des Ben Haddou entstanden sind. Diese harter sich hier als erste angesiedelt. Die Kasbahs dienten den durchreisenden Karawanen auf ihrem Weg von Timbuktu nach Marrakech als sicherer Zufluchts- und Übernachtungsort, zudem gab es hier Wasser. Mit dem Bau der ersten befestigten Strasse von Ouarzazate nach Marrakech verlor der Ort seine Bedeutung. Der Boom der (amerikanischen) Monumentalfilmindustrie bescherte in der Neuzeit dieser unglaublich pittoresken Szenerie einkömmliche Gewinne: die eindrucksvollen Aussenszenen, z.B. für „Sodom und Gomorrha“, „Gladiator“, „Kampf um Rom“ und vieler anderer Filme, entstanden hier.

Bei schon tief stehender Sonne verlassen wir die Kasbah und kehren zurück über das fast trockene Flussbett in den Ort. Ein wohlschmeckendes Abendessen im örtlichen Restaurant rundet diesen so erlebnisreichen Tag ab.





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