Von Aït-Ben-Haddou brechen wir nach einer erholsamen und sicheren Nacht auf, Hassan der Parkwächer passte gut auf uns auf. Wir folgen weiter der „Strasse der Kasbahs“ Richtung Osten. Über Nacht hat sich das Wetter, nein, vielmehr die Sicht, verändert: wohl bedingt durch den starken Wind der letzten Tage erscheint jetzt die Luft nahezu gesättigt mit rotem Saharastaub. Ich hatte gehofft, bei Abfahrt von einer nahen Anhöhe noch ein Abschiedsfoto schiessen zu können, aber daraus wird nichts, es ist einfach zu diesig. Von Zuhause hören wir, dass der Dunst durch den Wind bis nach Norddeutschland getragen wurde. Wir sind jetzt Richtung Wüste unterwegs und die Infrastruktur wird spärlicher, das gilt es bei unseren Stops zu brerücksdichtigren, besonders was Entsorgung und das Bunkern von Frischwasser betrifft.
Das Ziel heute ist ein Hotelparkplatz im nur 60 km entfernten Boumalne, einer mittelgrossen Stadt an der Strasse der Kasbahs. Wir werden dort für zwei Nächte stehen, die gehobene marokkanische Hotelküche, die Hotelbar und die Poolterrasse geniessen, ansonsten aber im Mobil wohnen.



Der Ausflug auf die nahe Passhöhe der Dades-Schlucht geschieht mittels Taxi, eine gute Entscheidung, denn mit unserem Auto möchte ich nicht den augenscheinlich schwer beladenen (und überladenen?) LKW folgen, die sich im Schritt-Tempo die Passstrasse hinaufquälen.




Nach dem Ausflug relaxen wir auf der Terrasse des Hotels, ich schreibe Blog und lege Bilder ab, denn morgen früh fahren wir weiter in die Todraschlucht bei Tinghir.
Noch immer ist die Atmosphäre stark durch Saharastaub getrübt, als wir am nächsten Morgen starten. Schade, denn Landschaftsfotografie ist dadurch eingeschränkt.
Auf einem winzig kleinen Stellplatz für etwa 10 Fahrzeuge stehen wir hier nach unserer Ankunft in der Todra-Schlucht dicht bei dicht, aber nach der Fahrt durch die staubige Geröllwüste ist es dort erfrischend: wir stehen in der engen Schlucht, unter hohen Palmen.








Mit ein paar Reisenachbarn bildet sich ein spontanes „Sittin“ zwischen den Mobilen. Es folgt eine lustige Verkostung diverser Schaumweine, jeder steuert aus seinen Bordvorräten einige Flaschen bei und der Nachmittag vergeht viel zu schnell. Abends bekochen uns Frank und Familie liebevoll und schmackhaft. Noch lange sitzen wir in der lauschigen, warmen Nacht draussen, klönen, tauschen Reisetipps und -ziele aus und der Wein schmeckt zu gut. Es wird spät heute, in der Todraschlucht.
Heute früh werden wir uns die Oase und die verfallene Kasbah oberhalb von Tinghir anschauen und dann hoch droben die Todra-Schlucht besichtigen.










Gleich hinter dem Stellplatz fließt der Fluss, der die Tordaschlucht in Jahrmillionen gegraben hat und die Oase speist. Jetzt ist das Flussbett mit nicht mehr als einem Flüsschen gefüllt, aber die massiven Flutmauern rechts und links am Ufer zeugen davon, dass es hier offenbar auch anders aussehen kann. Der kleine Marsch durch die Oase ist hochinteressant: zur Bewirtschaftung haben sich die Bauern zu einer Art Genossenschaft zusammengeschlossen. Jeder bestellt seine eigenen Felder, ohne jegliche Maschinen archaisch von Hand, allenfalls unter Zuhilfenahme von Eselskraft. Datteln, Feigen, etwas Getreide, ein paar Mandelbäume, Bohnen, Minze gedeiht auf den kleinen Flurstücken. Die Felder, eigentlich sind es eher Lichtungen im Palmenwald, sind durch kleine Wälle in Beete unterteilt. Das Wasser aus der Schlucht wird durch ein uraltes, aber sehr klug angelegtes System von kleinen Kanälen auf die Felder geleitet. Jedem wird, je nach Verfügbarkeit eine bestimmte Zeit zugeteilt, in der Wasser auf eine Felder geleitet wird. Dies geschieht durch Öffnen bzw. Das Schliessen einzelner Kanäle. Der „Sheich“, der Vorsteher, der Älteste des Dorfes und damit der Genossenschaft fungiert als Friedensrichter bei Streitigkeiten. Dieses System funktioniert seit tausenden von Jahren und keiner wird bevorzugt oder benachteiligt. „Take what you you need and leave the rest“ ist das Motto. Die Natur dankt es.










Die alte Kasbah, die sich an die Felswand der Schlucht gedrängt hatte, ist seit vielen Jahrzehnten verlassen, dem Verfall preisgegeben. Der Grund hierfür war offenbar die wachsende Gefahr von Felsabgängen durch die fortschreitende Erosion der Schlucht. Das Baumaterial der Häuser bestand aus Lehm, Stroh und Holz. Eines Tages wird sich die Natur diese Baumaterialien wieder vollständig und spurenlos zurückgeholt haben. Der drohende Felsschlag wird dabei die baldige Zerkleinerung der Bauwerke übernehmen. Ein einfaches, effizientes, ökologisches System.
Am Ende unserer Wanderung durch die Oase kommen wir an einem kleinen Gartenlokal vorbei. Spontan entscheiden wir uns dort zu essen. Eine richtige, gute Entscheidung. Unser Gastgeber, ein sehr zuvorkommender Mann, überschlägt sich förmlich für uns. Salat, Oliven, das Brot und die Tagines sind köstlich und unverfälscht marokkanisch. Zum Abschluss des Essen für diese kleine, zufällig bunt zusammengewürfelte Gruppe gibt es für uns den bisher besten Minztee aka „Berberwhisky“ auf dieser Reise.



Mit einer Umarmung, herzlichen Wünschen und einem „five high“-Abklatschen verlassen wir diesen so herzlichen, aufgeschlossenen und fröhlichen Menschen.
Am späten Nachmittag fahren wir hinauf in die Todra-Schlucht. Diese wurde in Jahrtausenden vom Fluss Oued Todra in das hohe Atlasgebirge gegraben, bevor er sich bei Tinghir in der Ebene verliert. Der Ould Todra speist nicht nur die Oase sondern gibt auch der Stadt Tinghir sein Wasser. Bis zu 300 Meter hoch ragen die steilen Felswände vom Fluss hinaus zu den Felshöhen. Der Talsohle der Schlucht liegt auf 1400 Meter Meereshöhe. Die Schlucht selbst und die umliegenden Felswände sind ein Eldorado für Kletterfreaks aus der ganzen Welt, die hier, winzig klein, buchstäblich wie die Fliegen, oben an der Wand kleben.




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