Auf dem Dromedar in den Tag

Ausritt im Morgengrauen

12. April. 

Um vier Uhr klingelt heute der Wecker, obwohl ich keinen benötigt hätte, denn heute steht eines der absoluten Highlights unserer Afrikareise an: Ein Ausritt in die Wüste zum Sonnenaufgang! Wir stehen unwillkürlich leise auf, der Morgen ist noch so jung! Wir machen uns fertig und nehmen noch einen schnellen Kaffee, dann geht es hinaus in Dunkelheit. In der Tat ist es stockfinster, man kann die Hand vor Augen nicht sehen. Am Himmel stehen die Sternbilder in unglaublicher Klarheit und Brillanz, kaum zu glauben, dass in Kürze schon die Mortgendämmerung beginnen soll. Das ist eben der Unterschied zwischen den hohen und niederen Breitengraden, hier geschieht die Dämmerung viel schneller als bei uns an Nord- und Ostsee. 

Vorsichtig tasten  wir uns in der Dunkelheit hinaus in den Wüstensand, es ist wirklich stockfinster und wir versuchen die Ratschläge vom Vortag zu berücksichtigen: kein Taschenlampenlicht! Es würde die Führer und die Tiere zu sehr blenden. Nach kurzer Zeit sehen wir in der Ferne eine abgeblendetes winziges Licht leuchten: einer der Karwanenführer bedeutet uns den Weg zu den Tieren. Wir gehen auf das Licht zu und plötzlich, von einem Schritt zum nächsten tauchen schemenhaft die lagernden Tiere auf. „Salam Aleikum!“ – „Wa Aleikum Assalam“ antworten wir auf den Morgengruß. Die Tiere sind zu Gruppen von drei mal drei gehalftert und liegen ruhig im Sand. Mit stoischer Ruhe lassen sie uns Laien aufsitzen, was beim liegenden Tier ohne Probleme funktioniert.

Auf eine kaum wahrnehmbare Geste des Führers hin erheben sich die Tiere nacheinander, vom hintersten Tier beginnend. Zunächst kommt der „Steert“, das Hinterteil des Tieres, hoch und man läuft Gefahr, eine Rolle vorwärts über den Sattelknauf zu machen. Kaum hat man sich vom Schreck der unerwarteten Bewegung eine Sekunde lang erholt, erfolgt die nächste Überraschung: Das Tier geht in zwei Stationen (Knien, Stehen) aus dem jetzigen „vorne unten, hinten hoch“ in die Position: „Durchgestreckte Vorderbeine!“ Dies hat für Dich, oben auf dem Rüchen sitzend, eine unerwartete Beschleunigung des eigenen Oberkörpers in Richtung Hinterteil des Dromedars zur Folge. Schnelles Festhalten am Sattel verhindert ungewolltes Absteigen per Rolle rückwärts über den Kamelmors. Alle in der Gruppe meistern diese Herausforderung, auch dank der Hilfestellung der Karawanenführer. 

Mittlerweile zeigt sich am Horizont ein leiser Silberstreif Morgenlichts. Die Stille ist förmlich greifbar, kein Wort fällt, kein Laut ist hörbar, nur das Knarren der Kamelsättel und das dumpfe Mmpf-Mmpf der Tierhufe im Sand sind zu vernehmen, all dies erzeugt eine unglaublich intensive Atmosphäre. Nach wenigen Metern schon entwickelt man ein Gefühl für den Rhythmus der Tierbewegungen, allerdings mit einer Ausnahme: geht es eine Düne hinab, also „den Berg runter“, mischen sich in die harmonischen Bewegungen harte, und nicht kalkulierbare Stösse der Vorderbeine. unserer Dromedare. Dennoch: der Begriff: „Wüstenschiff“ umschreibt perfekt die Bewegungen dieser ausgeglichenen Tiere. 

Es ist schwer zu beschreiben und wer es nicht selbst erlebt, vermag es vielleicht nicht erfassen, aber dies ist für uns alle, die zum ersten Male auf einem Tier durch die Wüste reiten, ein geradezu mystischer Moment: 

Obwohl in der Gruppe unterwegs und die, die vor Dir reiten, im Blick, so richtet sich deine Aufmerksamkeit doch auf das kleines Fleckchen Sand, dass Dich umgibt und auf Hals und Kopf des Tieres, auf dem Du reitest. Aber Du nimmst intensiv die unendliche Weite der Wüste wahr, die Dünen, das nachtblaue Firmament. Der Wind formt den Wüstensand immer wieder neu, kontinuierlich und unaufhaltsam. Spuren, die wir hinterlassen, sind nur von kurzer Dauer, so schnell vergänglich. Bald schon, in ein paar Stunden, werden sie verschwunden sein. Eine Metapher für unser eigenes Leben und dessen Vergänglichkeit. 

Der Himmel, der sich über dem endlosen Sand wölbt, zeigt jetzt einen lichtes, fahlblaues Band am östlichen Horizont. Es zwingt den dunkelblauen Nachthimmel mehr und mehr nach Westen zurück. Dem Schwarzblau des Nachthimmel, mit den nach und nach verblassenden Sternen, folgt ein zartes, pastellfarbenes, bleiches Rosa. Die Sonne steht nunmehr nur noch wenig unter dem Horizont, ihr Licht entfaltet immer stärker seine Kraft und drängt, zuerst mit einem blassem Rot, dann mit feuriger werdendem Orange bis Gelbweiß die Nacht immer weiter zurück, vertreibt sie förmlich vom Himmel. Du reitest in dieser einmaligen Stimmung stumm und staunend, inmitten dieses unglaublich großen und großartigen Meeres aus Sand und Wind und nichts anderem.  

Eine gute Weile sind wir unterwegs und das Licht wird besser, leider immer noch zu wenig für den Fotografen. Die Bewegungen der Reittiere sind zu groß, als dass bei den jetzt noch notwendigen langen Belichtungszeiten vernünftige Fotos gelingen könnten. 

In einer Senke macht die Karawane halt, die Führer lassen die Tiere in weiten Bögen abliegen und wir können absitzen. Wir wollen dem Sonnenaufgang unsere Referenz erweisen und besteigen eine große Düne, die uns den Blick weit nach Osten erlaubt. 

Es ist ein erhabener Moment, wenn die endlich Sonne hinter dem Horizont hervorlugt und ihre Strahlkraft voll entfaltet. Keiner auf der Düne kann sich dieses magischen Moments entziehen. Stille herrscht, großes Staunen und Bewunderung über dieses so alltägliche Schauspiel, dass wir so viel zu selten mit eigenen Augen erleben.

Wirt klettern von der Düne zurück hinunter zu unseren Tieren.

In weitem Bogen geht es auf dem Rücken der Dromedare zurück zu unserem Camp. Die noch immer tief stehende Sonne beschenkt den Fotografen mit einer wunderbar ausgeleuchteten Szenerie und warmen Farben, die Aufnahmen werden zu meiner Freude großartig. 

Tief beeindruckt verabschieden wir uns von unseren Führern, deren Aufgeschlossenheit und Zuneigung, die sie uns vermitteln, wird unvergessen bleiben.  

Am Nachmittag besuchen wir einen lokalen Teppichbasar. Hier werden Teppiche, die von Familien der Umgebung in monatelanger Arbeit hergestellt werden, angeboten, und zu einem sehr fairen Preis verkauft. Der Erlös kommt zum großen Teil direkt den Familien zugute, welche die wunderschönen Stücke produziert haben. Jeder Berber-Stamm hat seine ganz eigenen Materialien, Muster und Herstellungsweisen. Lange sitzen wir bei dem gereichten Minute im Präsentationsraum und lauschen den Ausführungen des Hausherrn… und seine Beredsamkeit ist von Erfolg gekrönt.

Unser Tag endet ebenso eindrucksvoll wir er begann: Moha, unser Gastgeber hier in der Wüste gibt uns zu Ehren ein Merchoui. Dieses Feststagsmahl der Berber (Ja, Moha ist ein Amazhig!) wird normalerweise nur an großen Festtagen wie z.B. Hochzeiten gereicht. Hierbei wird ein Hammel in einem gemauerten und luftdicht verschlossenen Backofen über viele Stunden gegart und dann in einer Zeremonie von der gesamten Tafelrunde zu Musik ausgehoben.

Ein Merchoui, das Festmahl bei Berbern

Traditionell wird das Merchoui von Ghanaern zubereitet. Diese Schwarzafrikaner kamen ursprünglich mit den Karawanen und als Sklaven nach Marokko. Ihre Aufgabe war unterwegs die Zubereitung von Essen. Nach dem Ende des Sklavenhandels wurden sie sesshaft und viele blieben in Marokko. Heute leben sie als vollintegrierte Marokkaner, mit eigener Kultur, vollständig integriert hier im Land. Das Festmahl schmeckt köstlich, der marokkanische Wein mundet und die Stimmung ist großartig. Wieder sind wir tief  beeindruckt von der Gastfreundschaft und der großen Herzlichkeit unseres Gastlandes.





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