Blois

Von Brugge nach Blois an der Loire sind es gut über 500 km Fahrstrecke. Wir teilen diese auf in zwei Etappen, die erste geht bis Evreux. Unser Weg führt uns zunächst entlang der Küste, vorbei an Oostende und Calais, dann über Abbeville und Rouen nach Evreux. Die Normandie zeigt sich einsam mit vielen, sehr grossen Feldern in einer sanft hügeligen Landschaft. Vereinzelte Wälder halten das schweifende Auge für einen Moment fest. Der Verkehr auf der mautpflichtigen A18 ist schwach. Lediglich Rouen ist ein Nadelöhr, dort endet die Autobahn und wir reihen uns in die lange Schlange der LKW ein, die sich an der Stadt vorbei quälen.

In Frankreich nutzen wir für unsere Etappenplätze gerne die App „Camping car-park“, sehr praktisch, denn man kann die Stellplätze des Betreibers dort immer für kleines Geld im Vorhinein buchen und zudem haben alle einen vergleichbaren Standard. Man weiss also, was einen erwartet und hat immer einen Platz für die Nacht sicher. In Evreux gibt es gerade mal Platz für sechs Mobile, sie liegen mitten in der Stadt, abseits einer Allee und nachts ist es dort total ruhig. Keine 300 Meter Fussweg entfernt ist ein grosses Carrefour Center und S kauft dort ein, dieweil der Chauffeur sein Ankommensbier-Nickerchen hält. Zum Abendessen gibt’s eine Flute, Käse, Salami und Schinken, dazu ein Glas Wein und zum Nachtisch für jeden eine Praline aus Brügge.

Wir planen in Blois einen Campingplatz direkt an der Loire zu nutzen, denn wir möchten das Schloss Chambord mit dem Rad besuchen, deshalb haben wir uns den dafür günstigsten Platz gewählt. Am Schloss gibt es keine Stellplätze.

Wir starten morgens recht früh.

Nach kurzer Zeit fängt es an zu regnen, also Scheibenwischer an! Firma R hat ja einen funkelniegelnagelneuen Scheibenwischermotor mit Getriebe eingebaut, es kann also nix passieren. – Weit gefehlt! Nach vielleicht 100 Bewegungen der Wischerarme ertönen plötzlich komische Klopfgeräusche aus Richtung Armaturenbrett und Sekunden später hängt der rechte Wischerarm auf halb acht außerhalb der Frontscheibe und bleibt einfach stehen.

Merde, merde, merde!

Ich habe Schwierigkeiten auf der Route National so schnell einen Parkplatz zu finden, zum großem Glück lässt der Regen momentan ein wenig nach. Erste Diagnose auf einem Seitenstreifen: Es ist die innere von zwei Schubstangen im Getriebe für den rechten Wischerarm. Ein Alurohr, in welches ein Gewindestift zur Längenanpassung eingepresst ist. Die Pressung war Schrott und hat nicht gehalten.

Ich schimpfe wie ein Rohrspatz und schicke Verwünschungen und aufgebrachte emails mit Fotos an Firma R. Leider kriegst sie der Monteur ab, der arme Kerl, der ja gar nix dafür kann, die gesamte Einheit kommt doch vom Hersteller Carthago. Deren Qualitätskontrolle ist ganz offensichtlich für den A*! Leider muss ich meinem Ärger irgendwie Luft machen. Sorry, Schraubi!

Zum Glück hat es mittlerweile aufgehört zu regnen und wir sehen zu, dass wir nach Blois auf den Platz kommen.

Der Reparaturversuch, den ich dort mit Bordmitteln versuche, sieht wie folgt aus: ich kann nix machen! Gewindekopf mit Bordmitteln nicht zu befestigen, Wischerarm und Schubstange verkeilt, Umlenkhebel übergeschlagen, Lager des Umlenkhebels lose! Rechts ist also Feierabend mich dem Scheibengewische. Einen Servicepunkt von Carthago gibts in dieser Gegend auch nicht, also bleibt mir nur Schadensbegrenzung durch einen Quickfix. Ich entferne die Kleinteile vom Getriebe und „schiene“ die nun frei hängende Schubstange mit mehreren Kabelbindern quer über den Exzenter hinweg an ihren linken Kollegen, indem ich die Kabelbinder kunstvoll längs der beiden Schubstangen mit weiteren Kabelbindern festzurre. Dieserart armiert wird das freie Ende der kaputten Stange hoffentlich nur Luftlöcher bohren wenn der Wischermotor läuft. Wenigstens kann so der linke Wischer wischen. Nicht ok, aber besser als gar nix! Ich hoffe nur sehr, dass diese Konstruktion erstmal hält und so weitere Kollateralschäden unter der Motorhaube vermieden werden.

Nun ist das Werkzeug wieder weggepackt, das Frustbier getrunken und die Schimpftiraden abgeklungen. Nach all diesem Stress haben wir keine Meinung zu kochen und wir besuchen den Kajak-Snack hier auf dem Camping. Coole junge Leute machen hier Snacks und Salate auf die alternative Art: z.B. Burger mit knackig frischem, gesunden Salat und Roquefort anstatt Cheddar. Tolle Patties aus sehr gutem Fleisch, extrem lecker. Dazu eine Flasche Petit Chablis und weg ist der Frust ;))

Nach neuem Regen in der Nacht schwingen wir uns morgens auf die Räder und radeln direkt an der Loire entlang flussaufwärts.

Schloss Chambord liegt ungefähr 18 Kilometer vom Platz entfernt, Das Wetter ist trocken, aber bewölkt. Der Radweg ist prächtig und wir geniessen die Fahrt entlang der Loire, später oben durch den Wald von Chambord. Hier hat König Franz Eins seine prachtvollen Jagdgesellschaften abgehalten, er wollte ja bekanntlich Karl V die Krone des heiligen römischen Reiches entwinden und Schloss Chambord sollte dabei als sichtbarer Beweis französischer Überlegenheit dienen. Bekanntermaßen ging dieser Plan schief, Chambord wurde nie Residenz, und blieb ein ziemlich überdimensioniertes Jagdschloss. Interessanterweise war Chambord, wie viele andere Schlösser auch, nie fest möbliert. Für Feste und Jagdgesellschaften wurden die Möbel aus großen Lägern herbeigeschafft. Schon damals sparte man, wo es nur ging!

Der Prachtbau im Renaissance-Stil ist in der Tat beeindruckend. Von der Loire über den Berg kommend, öffnet sich die zentrale Sichtachse auf die Fassade des Schlosses, beiderseits dichter Wald damals mit eigens ausgesetztem Wild zur Erbauung der erlauchten Jagdgäste. Am späten Vormittag, wenn die Gäste anzureisen pflegten, steht die Sonne genau hinter dem Schloss und umgibt seine Silhouette mit einer überstrahlenden Aura. Das war von König Franz sicher so gewollt.





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