Nantes

Heute, am Sontag, ist unser nächster Fahrtag. Es geht nach Nantes, ungefähr 180 Kilometer weiter nach Westen. Der Wettergott mag uns noch immer nicht, es regnet, mal mehr, mal weniger. Meine Notlösung funktioniert im Moment gut: der linke Scheibenwischer tut seinen Dienst, der rechte liegt dumm am unteren Scheibenrand rum und rührt sich keinen Mucks. Die Autobahn ist leer, wir kommen zügig voran und am frühen Nachmittag erreichen wir Nantes.

Nantes liegt mit seinen 325 Tausend Einwohnern etwa 50 Kilometer oberhalb der Mündung der Loire in den Atlantik bei Saint-Nazaire. Sie ist ehemalige Residenz der bretonischen Herzöge und vormalige Hauptstadt der Bretagne.

Das Schloss besichtigen wir am Nachmittag von Aussen, es herrscht immer noch trübes Wetter und die Stadt macht einen eher tristen Eindruck. Die Kathedrale von Nantes wurde im Jahre 2020 durch ein verheerendes Feuer, es war Brandstiftung, schwer beschädigt und ist bis heute nicht geöffnet.

Der Rummelplatz, der gerade um die Kathedrale herum aufgebaut ist, schreckt uns mächtig ab, zu laut, zu bunt, zu schrill. Ausserdem fängt es wieder an zu regnen. Also ab in die Tram und zurück zum Platz. Cool, am Wochenende fährt man hier umsonst mit allen Öffentlichen, und morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Dann soll endlich wieder die Sonne scheinen.

Am Morgen fahren wir wieder mit der Bahn ins Zentrum, heute kostet das 24h gültige Tagesticket 6,60€. Finde ich klasse, diese einfache Zeitlösung, verglichen mit dem HVV-Tarif-Dschungel.

Auf dem Place Royale steht in der Mitte ein Brunnen, die Fontaine de Loire. Wir finden ihn als einen Ort, der historisches Erbe periodisch mit aktuellen Themen verbindet, aktuell: Dienstleister, die meist unbeachtet von der Öffentlichkeit sind, und hier ausgelassen ihren Ruhestand feiern. Dahinter Migranten, die in der vermeintlich gewonnenen Freiheit doch nur weiter geknebelt werden.

Eindrucksvoll unprätentiös und eine mutige Verknüpfung „altehrwürdiger“ Denkmäler mit tagesaktuellen Themen.

Ein paar Meter weiter gibt es eine alte, sehr distinguierte Buchhandlung. Auf der Balkonbrüstung im Obergeschoss über dem Laden sitzt die Statue eines Jünglings, ein Creole vielleicht, ein Buch in der einen, in der anderen Hand seine gesprengte Sklavenkette. Vögel um seinen Kopf singen das Lied der Befreiung des Geistes von den Fesseln der Unwissenheit.

Und Foxtrott Delta Tango rodet die Bildung gleich mit der Kettensäge.

Wieder ein wenig weiter: ein wirklich bemerkenswertes architektonisches Kleinod, die vor einigen Jahren aufwendig restaurierte Einkaufspassage Passage Pommeraye. Staunend, fotografierend, Schaufenster anguckend schlendern wir hindurch.

Am Theater von Nantes vorbei geht es Richtung Gare Maritime. In einem Park statten wir noch Herrn Cambronne einen kurzen Besuch ab. Er war ein treuer Gefolgsmann von Napoleon, General, und während dessen erster Verbannung Militärkommandant auf Elba. 1815 ist er bei Waterloo zusammen mit Napoleon untergegangen. Berühmt wurde er, wie Götz von Berlichingen, für ein, hier allerdings unbelegtes Zitat: „Merde“ soll er bei seiner Gefangennahme durch die Engländer erwidert haben.

Mit dem Navibus überqueren wir die Loire und sind wenigen Minuten im alten Fischerdorf Trentemoult. Hier haben sich Freigeister und Individualisten vor Jahren dieses verlassenen Dorfes bemächtigt und ein kleines Paradies geschaffen. Mit einem Wort: bunt, bunt, bunt ist es hier. Liebevoll anders, bewundernswert unkonventionell. Begeistert durchstreifen wir das kleine Dorf und fotografieren was das Zeug hält. Ein verspätetes, exzellentes Mittagessen in einem wunderbar französischen Restaurant an der Waterfront runden diesen eindrucksvollen Ausflug ab.





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