Unser ursprüngliches, gestriges Reiseziel südlich von Tanger, Asilah, war lediglich als Übernachtungsplatz gedacht gewesen. Da uns die Fähre gestern wegen des Sturms nicht befördern konnte, müssen wir dieses Etappenziel, wenngleich es auch vielversprechend klang, auslassen und direkt Richtung Rabat weiterfahren.
Ab jetzt bestimmt die ursprüngliche Zeit- und Routenplanung unsere Reise, denn die Fähre zurück nach Spanien (ja, ich finde es doof, schon jetzt daran zu denken!) ist fest gebucht. Und wir sind (tatsächlich) immer noch frohen Mutes und freuen uns an den, meist völlig unerwarteten Begebenheiten.
Die Nacht auf dem Fährparkplatz war ok, keine Störungen und wenig Verkehr, sicher, durch hohe Zäune geschützt, im Hafen von Algeciras.
Um 08:00 Uhr am Ostermontag soll die Fähre ablegen. Doch oh welch ein Wunder des nahen Orients: „April, April“, sie fährt nicht! Mittlerweile haben wir uns ein dickes Fell anerzogen und warten auf – Inschallah! – die Passage um 11:15h. Und: Ihr glaubt es nicht, der Prophet hat ein Einsehen mit uns armen Menschlein und lässt das Schiff tatsächlich fahren. Noch toller: wir sind mit drauf!

Dass das Beladen mit Autos, Wohnmobilen und, vor allem vielen LKW so lange dauert, dass sich die Abfahrt um 1 1/2 Stunden verzögert, was sollˋs!

Auf dem Schiff müssen die Einreiseformalitäten für Marokko erledigt werden, dafür fährt extra ein hoheitlicher Marokkanischer Einreisebeamter auf dem Schiff mit. Anstehen in langer Schlange, Pass und ausgefüllte Landingcard abgeben, warten, warten WARTEN, dann knallt der Uniformiete endlich seinen Visastempel in unsere Pässe.

Jedes Kraftfahrzeug, dass nach Marokko eingeführt wird, muss auch wieder ausser Landes gebracht werden, ansonsten wird Einfuhrzoll fällig. Also wird auch unser Mobil zolltechnisch behandelt. Dieses ganze Procedere, inklusive Röntgenscan des Autos und Schnüffelei des Drogenhundes kostet uns nochmals zwei Stunden in Tanger Med, dann können wir endlich Richtung Mohammedia starten.

Es sind fast 400 Kilometer von Tanger Med bis dorthin, alles Autobahn – nach (fast) europäischem Standard, aber eben nur fast. Da überquert schon mal eine ältere Frau, schwer bepackt mit Taschen und angetan mit Burka die Autobahn und quält sich mühsam über die Mittelleitplanke, später stehen hunderte junger Männer auf dem Seitenstreifen, fröhlich winkend und bieten (wohl geklaute?) Kartoffeln von den umliegenden Feldern an. Halbwüchsige überqueren in Horden die Autobahn, springen im letzten Moment von der Fahrbahn, Mutproben?
Tanken an der marokkanischen Autobahn: An jeder Zapfsäule steht ein „Tankwart“, der Dir die „richtige“ Zapfpistole zeigt. Das ist seine einzige Aufgabe. Diese Spezialisten werden von einem „Chefkontrolleur“ kontrolliert, der auch das Kartenlesegerät bereithält. Solltest Du Barzahlung bevorzugen, nimmt dieser Chef Dein Geld in Empfang, läuft zur Kasse hinein und kommt mit dem Wechselgeld zurück. So wird für viele gesorgt, und das bei einem Kraftstoffpreis von etwa 1,20€ pro Liter.
Zur kurzen Rast fahren wir weiter auf den Parkplatz. Kaum steht das Auto, schon tauchen aus dem Nichts gutgenährte und auch ordentlich gekleidete, junge, „bedürftige“ Bettler auf, die Dich um ein Almosen angehen. Mit freundlicher Ablehnung versuchen wir erfolgreich dem zu entgehen. Von Aggressivität können wir bis jetzt nicht berichten. Natürlich gibt es bittere Armut hier, aber nicht überall, und wir wollen nur die tatsächlich Bedürftigen bedenken.
Mohammedia empfängt uns mit Dunkelheit und Getümmel, Gewusel, Lärm, und Chaos, das wir Europäer als so typisch für den Orient empfinden! Wir sind nicht nur in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent angekommen: nein wir tauchen unvermittelt ein in eine gänzlich andere Kultur. Zu recht und gerade heute darf Goethe aus seinem „West-östlichen Divan“ aus den Jahre 1819 zitiert werden: „ Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“
In der Tat: Westliches Aussehen, teure Autos, Jugendliche, die an der Tankstelle bei lauter Musik rumhängen und morgenländische Kultur, der Muezzin plärrt aus dem Lautsprecher der nahen Moschee, westliche Kleidung neben Kaftan siehst Du genauso wie Burka, Tschador, Niqab und Hidschab. Aus dem Restaurant dröhnt Adeles „Hello“, das Café nebenan lockt mit orientalischer Musik. Alles vermischt sich hier zu einem schier unglaublich lauten, grellen, hektischen, nahezu irrwitzigen Cocktail. Wir wollen gerne eintauchen in diese faszinierende Welt, sind aber hundemüde. Es ist jetzt 1/2 10h Ihr Ortszeit, zusammen mit der gerade begonnenen Sommerzeit in Europa ist es für uns schon 1/2 12h und wir sind seit sechs Uhr auf den Beinen. Die Strassen, Cafés und Restaurants sind voll rammelvoll, und jetzt dämmert es mir: bis 10. April ist noch Ramadan, und nur bei Dunkelheit ist Fastenbrechen erlaubt! Darum das Gewühl.


Für uns: ein schnelles Abendessen vom riesigen Buffet im nahen Restaurant, Dank an Frank und Familie! Dann eine Dusche im Mobil und ab ins Bett! Kaum liegen wir, umfängt uns komatöser Schlaf. – Die erste Nacht in Afrika – endlich!
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