Am 3. April, es ist ein Mittwoch. Es ist ja heute ein besonderer Tag: sieben Lebensjahrzehnte sind vollendet. Unglaublich, wo ist die Zeit nur geblieben? Nach dem Wachwerden war die Überraschung gross: alle Kinder und alle Enkel haben vor Wochen Saane schon einen schriftlichen Geburtstagsgruss für mich mitgegeben. Die Zeilen der Kinder und Enkel rühren zu Tränen.Was habe ich nur für ein Glück mit meiner Familie. Vielen Dank Euch Allen, liebe Freunde, für Eure guten Wünsche an den alten Mann.

Nach einem gebührenden Geburtstagsfrühstück starten wir um kurz nach neun auf die knapp 300 km lange Etappe nach Marrakech.
Wir benutzen wieder die gut ausgebaute Autobahn A5, ein paar Mautstellen sorgen für geringe Verzögerungen auf der Fahrt. Die Strecke führt an Casablanca vorbei, dort sehen wir einige stark heruntergekommene Wohnviertel, direkt neben der Autobahn, sie erinnern uns an die townships in Südafrika. Bald biegt die Route weiter ins Landesinnere ab und es wird grün. Grosse Felder mit jungem Wuchs beherrschen jetzt das Bild. Ungefähr nach halber Strecke ändert es sich urplötzlich: wie mit dem Lineal gezogen endet jegliche Vegetation und innerhalb vielleicht eines Kilometers beginnt eine Steinwüste, öde, rot, leer, soweit das Auge reicht. Mondlandschaft. Nach ein paar weiteren Kilometern tauchen vereinzelte Farmen auf, die Olivenbäume dort werden offenbar gut gewässert, grüne Quadrate von wenigen hundert Metern Kantenlänge inmitten einer unendlich erscheinenden Ödness. Menschen oder Tiere können wir nicht entdecken. Es gibt keinerlei Parkplätze hier an der Autobahn, sodass ich diese Leere noch nicht einmal fotografieren kann. Spotify haut mir den alten Hit von Crosby, Stills, Nash and Young „Marrakech Express“ gleich mehrfach und in ordentlicher Lautstärke um die Ohren. Einfach unglaublich, dass mich dieses Lied mit dem Sehnsuchtsort im Titel, seit den späten Sechzigern von mir so oft gehört, mich gerade an diesem heutigen Tag, tatsächlich dorthin begleitet. Hätte ich mir damals nicht träumen lassen.
Erst kurz vor Marrakech ändert sich die Landschaft und bald kehrt die Vegetation zurück. Nicht weit von der Autobahn, ein paar Kilometer nördlich der Innenstadt, liegt unser Platz für die nächsten zwei Nächte, Le Relais du Marrakech. Unter Bäumen finden wir einen netten Flecken für unser Auto. Campingplätze sind eigentlich nicht so unser Ding, aber für kurze Zeit ist das für uns ok. Wir sind ja autark mit unserem Mobil, seit Beginn der Reise benutzen wir ausschließlich unsere bordeigene Infrastruktur, nur zum Ver- und Entsorgen sind wir alle paar Tage einmal auf entsprechende Facilities angewiesen.
Am späten Nachmittag geht es mit dem Bus in die, vielleicht 30 Minuten entfernte Innenstadt.
Was für ein Chaos herrscht hier auf den Strassen. Hatten wir doch in Rabat noch geglaubt, der Verkehr dort wäre irre, dass hier übersteigt jegliche Vorstellungskraft. Autos, LKW, Busse, Radfahrer, Fussgänger, Pferdekutschen und vor allem Mopeds versuchen, so schnell als irgend möglich, ihr Ziel zu erreichen. Stoppen für Fussgänger an Zebrastreifen gilt als übertriebene Höflichkeit, die querenden Fussgänger gleichen Toreros auf ihrem Weg zur anderen Strassenseite. Ampeln gibt es kaum, dafür Roundabouts. Hier bietet sich die Möglichkeit für Autofahrer durch haarsträubende Links-Rechts Kombinationen im Kreisel ein oder zwei Autolängen gut zu machen. Jeder Millimeter Lücke wird zum Reindrängeln ausgenutzt. Im Vorteil sind eindeutig die Mopeds. Sie überholen uns und auch ihre Kollegen rechts und links und alle gleichzeitig und das in einem Affentempo. Ein wildes Schlenkern über alle Spuren, inklusive Bankett. Helme werden offenbar als Ausdruck von Feigheit angesehen und sind daher verpönt. Egal ob Oma, Kleinkind oder Umzugsgut, alles Mögliche – und Unmögliche – wird auf dem Sozius transportiert. Apropos Seitenabstand: den gibts nicht!
Angekommen schlendern wir durch den Rosengarten zur grossen Moschee. Sie wurde durch das schlimme Erdbeben vor ein paar Monaten erheblich beschädigt und ist zur Zeit für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.



Weiter geht es zum zentralen Platz von Marrakech, dem Djem el Fnaa. Uns empfängt ein orientalisches Durcheinander von Saftständen, Obstverkäufern unter grünen Zeltplanen, Gewürzhändlern, Lederwarenständen, Wahrsagerinnen, Schlangenbeschwörern und vielem mehr. Um den Platz herum mehrgeschossige Häuser, Cafés oder Restaurants zumeist, viele mit Dachterrasse. Dicht drängen sich die Menschenmassen durch die Gänge zwischen den Ständen, die Menge reisst uns einfach mit und spült uns in die angrenzenden Strassen der Souks in der Medina. Eine unvorstellbare Reizüberflutung: es ist heiss, es ist eng, eine Kakophonie von tausend Händlerstimmen, die sich schreiend Gehör verschaffen wollen, dazu Musik, orientalisch zumeist, grelle Farben, die Auslagen der Stände und Läden quellen über von Waren: Kleidung neben Souvenirs, Sonnenbrillen, Tinnef aus China, Gürtel und Taschen aus dem Atlasgebirge – dem Atlasgebirge? – „yes, yes, handmade from Berbers, oridschinal!! – come in and look! Best price, only here – where are you from? Oh Germany – Munschen schone Schdad, oh Hamburg auch schone Schdad – moin moin – lookim schene Farbn, allas Natür!, escht Ledr!, nix Plastik!“ Brennprobe mit dem herbeigezauberten Gasfeuerzeug. Sie reden mit Händen und Füssen, in jeder Touristensprache haben sie ein paar Brocken drauf, suchen damit ein kurzes Erstaunen zu wecken. Zeigt man dies, sitzt der Haken, an dem sie Dich in ihre Höhle zerren, wie die Muräne ihr Opfer. Es sind alles sehr talentierte Verkäufer, sie kennen jeden Trick um Dich zum Kauf von Dingen zu überreden, die Du nicht brauchst und eigentlich auch nicht willst. Aber bis auf ganz wenige Ausnahmen bleiben sie höflich und freundlich wenn Du klar zu erkennen gibst, dass kein Interesse besteht.
„Salut, bye bye, a-uf Widdersehn, allas gutte, have a nice day“ und man ist wieder draussen.
Mittlerweile ist es dunkel geworden und das Aussehen des Djem el Fnaa hat sich völlig verändert. Wo eben noch Händler ihre Waren anpriesen, stehen nun Tische und Bänke dicht an Dicht und ein Kochdunst wabert aus den Ständen dahinter.









Wir lassen uns an einem nieder und erleben ein Abendessen der besonderen Art: Nach und nach werden uns in schneller Folge gefühlt ein Dutzend Speisen vorgesetzt, orientalische Speisen natürlich, Kichererbsensuppe, Fleischspieße vom offenen Feuer, Gemüse, Oliven, Couscous, Datteln, Süsskram. Nichtalkoholische Getränke. Happy Islam. Ramadan. Einen Minztee zum Abschluss? Na gut!
Hinterher brauchen wir noch einige Schritte über den Platz. Wahrsager und Schlangenbeschwörer haben jetzt Hochkonjunktur, Touristen wollen so etwas sehen. Wir nicht. Auch nicht die traurigen Augen verängstigter Äffchen, die, mit Kette um den Hals, Touries zwecks Handy-Erinnerungsfoto auf den Arm gesetzt werden. Arme, geschundene Kreaturen.
Mit vollem Kopf und Bauch geht es zurück zum Mobil. Noch immer schwirrt uns der Kopf von diesem irren Erlebnis, interessant, exotisch, orientalisch, aber nicht romantisch wie in 1000 und eine Nacht. Ein Glas auf diesen erlebnisreichen Tag!
Der neue Tag begrüsst uns wieder mit: Hahnengeschrei und dem schon bekannten Ruf des Muezzin von der nahen Moschee. Es ist wieder herrlichstes Wetter, es werden 34 Grad erwartet.













Der Bahia-Palast ist heute unser erstes Ziel. Nicht wirklich alt, er wurde im 19. Jahrhundert vom Grosswesir Si-Moussa in Auftrag gegeben, und er spiegelt tatsächlich den Nimbus des prunkvollen alten Orients wieder.
Über 1000 Arbeiter erbauten den Palast in über 7 Jahren Arbeit. Si-Moussa residierte als zweitwichtigste Person im Lande, direkt vom Sultan eingesetzt, als eine Art Premierminister. Den Palast baute er übrigens für seine Lieblingsfrau, daher der Name: Bahia („die Strahlende“). Mit seinen insgesamt 4 Frauen und 24(!) Konkubinen lebte und „erarbeite“ der Grosswesir dort über 90 Kinder.
Nach der geziemenden Hochachtungs-Bezeugung bezüglich dieser Meisterleistung wenden wir uns der alten Mellah, dem ehemaligen Judenviertel zu. Wir durchwandern die alten, typischen Souks, in denen eher Einheimische als Touristen zu finden sind. Unser Spaziergang endet, wie fast alle Streifzüge durch Marrakech, wieder am Djnemaa el Fnaa.
Am Abend gehen wir beide zum Abendessen ins Restaurant des Campingplatzes. Dieses bietet gehobenes Niveau und wir sitzen bei Wein (!) und Tagines herrlich entspannt auf der Terrasse und geniessen Atmosphäre und schmackhaftes Essen.

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