Santo André

Wir fahren zurück an die Küste, wieder durch eine einsame Landschaft mit wenigen Dörfern. Aus den erst einzeln stehenden Bäume werden mehr, wachsen zu einem lichten Wald zusammen. Einsam ist es hier, kaum ein Auto begegnet uns auf unserem Weg.

Ein paar Kilometer folgen wir den N2, der „Route 66 Portugals“, sie führt quer durch das Land vom äußersten Norden bis an die Algarve. Wer will kann ihr auf ganzer Länge folgen und Stempel sammeln, ähnlich wie auf dem Camino nach Santiago. Wir hingegen biegen nach kurzer Strecke ab auf die N5. In dieser Gegend sind die Straßenverhältnisse übrigens deutlich besser.

Santo André ist ein kleiner Ort an der Küste, bekannt durch seine große Lagune und das Naturschutzgebiet dort. Abends erleben wir in einer Strandbar einen grandiosen Sonnenuntergang. Schwärme uns unbekannter Vogelarten kommen von See her und überqueren den Strand Richtung Lagune.

Am Tag der Einheit packe ich meinen Fotorucksack und durchstreife allein die Gegend. Die Lagune zu umrunden ist mir zu aufwendig, es sind über 18 Kilometer zu Fuß, teilweise unwegsam. Ein paar wenige Vögel sind gerade noch „innerhalb der Reichweite“ meines Teleobjektivs, die anderen sind am Südufer gut versteckt, dorthin ist es mir zu weit.

In der Lagune darf unter strengen Auflagen massvoll gefischt werden, am Ufer finde ich Boote und Netze von Fischern. Ein amtlicher Aushang weist die strengen Regeln und zulässigen Fangflächen minutiös aus. Die Lagune selbst hat übrigens keinen natürlichen Zugang zum Meer. Einmal im Jahr wird am Strand von Menschenhand ein Durchstich zum Meer hin gemacht und so die Lagune aufgefrischt. Hinterher wird der Durchstich wieder verschlossen.

Im Jahr 1963 ereignete sich am Strand von Santo André eine furchtbare Katastrophe: Am 13. Januar findet dort die traditionelle winterliche Fischernte auf der Lagune statt. Dieses Ereignis zieht viele Menschen an, die den Zug der ansässigen Fischer mit Booten und Netzen verfolgen. Eine unerwartete Riesenwelle, von See kommend, überrollte an diesem Tag den Strand und die Lagune, sie riss 17 Fischer in den nassen Tod. Diese hatten keinerlei Überlebenschance, ihre schwere Winterkleidung sog sich sofort voll Wasser, machte das Schwimmen unmöglich, ein jämmerlicher und unerwarteter Tod. Das jüngste Opfer war gerade mal 12, das älteste 78 Jahre alt.

Betroffen stehe ich vor dem Gedenkstein und male mir dieses furchtbare Ereignis aus. Ein Großteil der männlichen Bevölkerung dieses kleinen Dorfes muss damals gemeinsam umgekommen sein. 

Das herrenlose, zerspellte Boot an Land wirkt da wie eine stumme Mahnung an die Lebenden: seid gewahr!





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