Nach Evora

Abends sitzen wir in Nazaré noch bei uns zusammen im Mobil und erwarten den angekündigten Regen. Ab Mitternacht sollen bis zu 50 Liter pro Quadratmeter in sechs Stunden fallen. 

Um halb acht fallen die ersten, zaghaften Tropfen. Ein Pärchen überquert gerade vor unserem Auto den staubigen Stellplatz auf dem Weg zu ihrem Mobil. Portugiesen. Mitten auf dem Platz hebt sie ihre gefalteten Hände zum Himmel, eine Geste tiefer Dankbarkeit: „Endlich Regen!“ Denn dieser ist  soo dringend nötig. In vaga splash hatte man uns erzählt: erst ganze zweimal hat es in diesem Jahr hier geregnet! 

Unglaublich, aber tatsächlich sah es genau so aus, auf unserem Weg hierher: 

das Land knochentrocken, alles braun, verbrannt, geradezu versteppt. Kaum noch Gras auf den Weiden, die abgemagert dort weidenden Tiere suchen vergebens im Staub nach einem einsamen grünen Hälmchen. Die Felder, offensichtlich schon vor Längeren notgeerntet, sind nur noch staubige Brache. Die vereinzelt auf den Weiden stehenden Bäume tragen staubig-gelbe Blätter, sind schütter in ihren Kronen, selbst tiefreichende Wurzeln finden kaum noch Wasser…

Als unser Pärchen nach seinem Weg über den Stellplatz sein Mobil erreicht, sind die paar Tropfen auch schon wieder vorbei. Kaum einer hat den staubigen Boden erreicht. Brütend liegt jetzt die Abendhitze über der Stadt, kein Lüftchen regt sich mehr.

Wir gehen zu Bett, finden kaum in den Schlaf bei diesen Temperaturen. Und dann: tatsächlich, nach Mitternacht öffnet der Himmel seine Schleusen, es grummelt und plötzlich prasseln dicke Regentropfen auf unser Autodach! Es giesst heftig! Aber fünfzig Liter? Weit gefehlt! Schon nach ein paar Minuten ist die Vorstellung wieder zu Ende. Ja, es hat etwas abgekühlt, aber schnell kommt die aufgestaute Wärme zurück und jetzt wird es richtig dämpfig. – Ein Yogi, der bei solcher Schwüle schlafen kann.

Am Morgen stehen auf dem Platz noch tiefe Pfützen, klebriger Dunst liegt über allem.

Eine Nacht zum vergessen.

Schon früh machen wir uns deshalb auf die 140 km ins Landesinnere. Die Strecke führt dabei über 100 km auf portugiesischen Landstrassen, mautfrei zwar, dafür aber in einem, im wahrsten Sinne des Wortes, „erschütternden“ Zustand. Einige Streckenabschnitte sind so katastrophal, dass ich unser Tempo auf 25 km/h reduziere, aus Angst um den Aufbau unseres Mobile, so heftig scheppert es. 

Das Landschaftsbild, das wir durchfahren entschädigt uns für diese Tortur: eine weite, hügelige Gegend, die uns entfernt an die Lüneburger Heide erinnert. Viele Pinien, die einzeln oder in kleinen Gruppen stehen, bodennaher Wuchs, der Heidekraut ähnelt, Buschwerk. Langsam ändert sich das Bild: die Bodendecker verschwinden weitestgehend und zwischen die Pinien mischen sich immer mehr Korkeichen. Der Boden wirkt bald sauber geputzt, mit der Egge fein säuberlich plan gezogen, keinerlei Buschwerk oder Gras mehr. Die uralten Korkeichen mit ihren mächtigen Stämmen sind gewiss sehr wertvoll. Wir vermuten, der nackte Boden soll die Entstehung von Flächenbrand verhindern, denn knochentrocken ist es hier noch immer.

Die entrindeten Stämme der Korkeichen glänzen hellbraun im Sonnenlicht, grosse Ziffern tragend, die mit Kalkfarbe aufgemalt sind: zumeist eine „6“. Wir fragen uns, was diese Ziffern wohl bedeuten könnten. Vielleicht die Jahreszahl der „Ernte“?…

Die „Ernte“ der Korkfarmer sehen wir auf großen Lagerplätzen: aufgeschichtet zu sauberen Halden lagert der wertvolle Kork und wartet darauf, die Flaschen der edelsten Weine Europas sorgsam zu verschließen.

Frühnachmittags kommen wir in Evora an und finden unseren Stellplatz Orbitur ganz in Ordnung. Mit dem Rad gelangen wir binnen weniger Minuten ins Zentrum der Altstadt.

Von Evora sind wir sehr angetan. Eine eher kleine, sehr alte Stadt mit etwa 50 Tausend Einwohnern. Sehr schöne Altstadt, u.a. die größte Kathedrale Portugals, eine Universität und Vieles mehr.

Studenten in schwarzen Talaren und mit Doktorhüten angetan durchstreifen die Stadt mit Fahne, Instrumenten, Musik und Gesang. Sind abgelegte Prüfungen oder das neue Semester der Grund für die Feierlaune? Egal – „Nie kehrst Du wieder gold’ne Zeit, so froh und ungebunden! – Oh gold’ne Academia“!

Die Tochter unserer Freunde beherbergt zu Hause an der Ostsee eine junge Portugiesin, M mit Namen. M hat uns zahlreiche Ratschläge mit auf den Weg gegeben und so kommen wir in den Genuss von kulinarischen Erlebnissen, die wir ohne sie sicher nicht gehabt hätten: eine typisches Café mit grossartigem, einheimischen Gebäck etwa, oder ein landestypisches Restaurant zum Abendessen. 





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